Am heutigen Tage ist Benjamin Hederich der Begleiter des Bürgermeisters bei seinem Rundgang durch den kleineren der beiden Ortsteile.

Lars Burkhard Steinz empfängt den Begleiter auf dem Parkplatz des SG-Kinzenbach-Sportgeländes.

Benjamin Hederich (BH): „ Herr Bürgermeister , Sie fangen mit der Tour fast am höchsten Punkt in der Ortsbebauung an. Wir sehen den vor vier Jahren fertig gestellten Kunstrasenplatz. Hier gibt es doch eigentlich nichts zu tun…“

Lars Burkhard Steinz (LBS): „ Lieber Herr Hederich, Sie haben Recht, dass hier am Platz das Bild einer völligen Vollkommenheit der Verhältnisse herrscht, und dass der normale Betrachter der Ansicht ist dass hier alles Erdenkliche gemacht wurde.

Aber es gibt noch die kleinen Punkte, die eine Sache abrunden, und diese Situation haben wir (weist auf den Rasen-Bolzplatz hinter dem Kunstrasenplatz):

Der Bolzplatz ist, wenn man so möchte, eine Grauzone. Er könnte voll als Trainingsplatz der SGK beansprucht werden, dann würde er aber auch der Pflege durch den Verein unterliegen, was aus nachvollziehbaren Gründen auch nicht gewünscht ist. Oder die Gemeinde sieht sich bei dem Platz mehr in der Pflicht, und macht etwas aus dem Platz…“

BH: „ Man kann es ja schon ahnen, zu welcher Sicht tendieren Sie?“

LBS: „ Ich muss betonen dass es bisher nur Überlegungen sind und ich in den verschiedenen Fraktionen dazu noch Zustimmung einwerben muss; aber ich tendiere zur zweiten Sichtweise, der Übernahme durch die Gemeinde!“

BH: „Was würde das konkret heißen?“

LBS: „ Konkret heißt das, dass wir die Fläche des bisherigen Bolzplatzes als Chance begreifen und neu aufteilen, mit mehr Möglichkeiten für alle Generationen. Ein Bolzplatz mit E-Jugend-Maßen sollte erhalten bleiben, in sicherem Abstand zur Landesstraße. Darüber hinaus sind noch weitere Nutzungen denkbar, wie z.B. eine Skateanlage für Jugendliche. Das kostet natürlich alles Geld und steht wie immer unter Finanzierungsvorbehalt. Für das nächste Haushaltsjahr würde ich aber mal einen Vorschlag machen wollen, und warten wir mal ab was die Gemeindevertretung dazu sagt…“

BH: „ Eine Skateanlage ruft ja auch immer Widerspruch seitens der Anwohner hervor, aber hier sind wir ja weit genug weg von allen Wohnhäusern… eigentlich keine ganz schlechte Idee!“

Beide gehen vom Parkplatz die Krofdorfer Straße hinunter in den Ort hinein. An der Mess-Säule vor dem Kindergarten Wiesenstraße bleiben die beiden Wanderer wieder stehen.

BH: „ Herr Bürgermeister, wir stehen an der Mess-Säule, und das wir hier halten, das hat doch bestimmt seinen Grund, oder?“

LBS: „ Herr Hederich, hören Sie ein Summen aus der Radarsäule?“

BH: „ Nein, es ist ganz still!“

LBS: „ Das bedeutet, dass die Radarsäule zur Zeit abgeschaltet ist. Wir haben die Auflage, dass alle Säulen nicht rund um die Uhr „scharf“ sein sollen, sondern dass diese nur an gewissen Zeiten an sein sollen- damit der Autofahrer gewissermaßen eine Chance hat durchzukommen. Wir bestücken jede einzelne Säule in unregelmäßigen Abständen, um den rechtlichen Vorgaben zu genügen.
Das eigentliche Thema hier an dieser Stelle soll der Verkehr sein. Wir haben schon festgestellt, dass der Verkehr aus Richtung Lahnau, durch Kinzenbach hindurch, in Richtung Wettenberg deutlich zugenommen hat. Das liegt an der Verlagerung von Industrien aus dem Dillgebiet nach Wettenberg, und die Arbeitnehmer fahren halt ihrer Arbeit nach. Dies zum Leidwesen von uns und den Anwohnern!“

BH: „Hat die Gemeinde Heuchelheim dort eigentlich eine Chance etwas dagegen zu unternehmen?“

LBS: „ Offen gestanden nur sehr wenig. Die durch Kinzenbach führende Straße ist eine Landesstraße, was unsere ohnehin geringen Einflussmöglichkeiten noch schmälert, und bei jeder Veränderung müssten wir uns mit Hessen-Mobil abstimmen. Eine Schließung der Strecke oder Durchfahrverbote und andere Ideen sind völlig utopisch, da ist die hessische Ebene strikt vor…“

BH: „ Und welche Möglichkeiten bleiben?“

LBS: „ Man lässt uns wie gesagt die Geschwindigkeit kontrollieren, dies aber nicht ständig und nur in wechselnden Abständen. Und man hat uns genehmigt am Ortseingang in der Atzbacher Straße eine sog. „Verschwenkung“ einzubauen. Das ist eine Verlegung der Fahrbahn, so dass der Fahrer gezwungen ist einen Schwenker zu fahren. Das hilft zumindest den ersten Häusern in der Atzbacher Straße, ist aber auch sehr teuer. Deswegen steht es noch auf einer gemeindlichen „Zu erledigen-Liste“, die auch abgehandelt wird wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen. Aber die Bürgerinnen und Bürger in Kinzenbach haben die Zusage dass wir die Situation sehr ernst nehmen und auch weiter kontrollieren werden. Nur Wunder darf man bitte keine von uns erwarten, das ist schlicht unrealistisch.“

Der Weg geht weiter, am Weiher vorbei die Krofdorfer Straße entlang, bis zur Evangelischen Kirche.

Der Heuchelheimer Verwaltungsleiter bleibt am Platz des Kriegerdenkmals stehen.

BH: „ Hier ist wohl der nächste Punkt von Interesse. Ich kann sehen, dass hier frische Pfosten montiert wurden. Was hat es damit auf sich?“

LBS:“ Wir sind hier im absoluten Zentrum des Ortes- Kirche, Volksbank, eine angesehene Metzgerei und vor kurzem auch noch eine Hausarztpraxis- hier war immer viel los und auch zu den Geschäftszeiten ein entsprechender Parkdruck durch die vielen Besucher.“

BH: „ Die Arztpraxis ist aber nicht mehr da?“

LBS: „ Richtig, da komme ich gleich dazu. Wir hatten uns gesagt, dass hier eine kleine Ecke mit Aufenthaltsqualität erreicht werden soll. Dies haben wir gelungen, dass hier vor dem Kriegerdenkmal, ebenfalls frisch restauriert, eine Absperrung angebracht wird und Bänke aufgestellt werden. So haben wir mit wenig Aufwand einen kleinen Platz zum Ausruhen geschaffen.“

BH: (schmunzelt) „Eine Oase der Ruhe wird das aber nicht!“

LBS: „ Das stimmt, tagsüber ist hier schon recht viel Lärm, aber es ist besser als gar nichts…“

BH: „Und was war das mit der Arztpraxis?“

LBS: „ Ich bin sehr froh dass es hier eine Lösung gefunden haben, welche unsere verdiente Hausärztin in Kinzenbach bleiben lässt. Es ist von großer Wichtigkeit dass unsere Bürgerinnen und Bürger eine ärztliche Grundversorgung haben. Durch das neue Zahnarztzentrum in der Berkenhoffstraße und dem Umzug der Hausärztinnenpraxis in die vormalige Zahnarztpraxis in der Rosenstraße ist dieses Problem wirklich gut gelöst. 2100 Einwohner, zwei Ärzte, es geht kaum besser! Das hatte uns ja auch das Institut IWG aus Gießen im letzten Jahr in einer groß angelegten Untersuchung bescheinigt.“

Weiter geht der kleine Rundgang die Hauptstraße in Richtung Heuchelheim weiter. An der ehemaligen Dorfschänke vorbei, Bürgermeister Steinz bedauert die Entwicklung der einstmals so stolzen Gaststätte ( Zitat: „im jetzigen Zustand ist das Gebäude keine Zierde, entspricht aber den Bauvorschriften, und bei Privatleuten kommen wir leider überhaupt nicht ran“) zu einer kostengünstige Absteige.

Auch am Lindenberg, dem eigentlichen Zentrum des vormalig kleinen Bauerndorfes, kann Lars Burkhard Steinz nur sein Bedauern darüber ausdrücken, dass im Neubau-Furor der Nachkriegszeit auch in Kinzenbach viel historische Bausubstanz vernichtet wurde- schöne Gebäude, die heute im Ortsbild fehlen. Umso mehr müssten aber die Bürgerinnen und Bürger sowie die Kommune die vorhandenen historischen Gebäude hegen und pflegen und ihre Vorzüge rausstellen.

Dies ist auch die Überleitung zum nächsten Punkt der Tour und gleichzeitig Endpunkt, der Alten Schule in Kinzenbach. Die Wanderer kommen im Hof der Schule zu stehen.

BH: „Bürgermeister Steinz, wir sind an der Alten Schule Kinzenbach angelangt. Was können Sie uns zu Ihr sagen?

LBS: „ Da muss ich mal ausholen. Die Schule ist ein Neubau aus 1907 und ersetzte ein älteres marodes Schulgebäude im Ort. Das ist damals in unglaublich solider preussischer Qualität gebaut worden. 1955 gab es dann eine große Erweiterung um zwei weitere Klassenräume und den Turnsaal.
1969 dann- wir sind in den sogenannten „roten Jahren“ des verordneten sozialistischen Umbaus der Gesellschaft von oben in Hessen, geschieht etwas Ungeheuerliches, was auch in keinem anderen Bundesland so wiederholt wurde: Per Landesgesetz bekommen die Gemeinden ihre Schulgebäude weggenommen, sie sind nicht mehr verantwortlich dafür, die Verantwortung geht auf die Landkreise über. Seitdem dürfen die Kommunen Jahr für Jahr an die Landkreise die sog. „Schulumlage“ in jährlicher Millionenhöhe abführen, zum Unterhalt der Schulgebäude in Landkreis. Sie raten richtig- Sozialismus und Gleichmacherei funktionieren auch hier nicht. Alle zahlen sehr viel Geld, dafür, dass die Modernsierung des Schulwesens doch nur sehr stockend vorankommt. Aber ich rege mich jetzt nicht weiter auf, sonst rede ich mich noch in Rage…“

BH: „Wie ging es weiter?“

LBS: „Bis 2006 wurden noch die Kinzenbacher Schulkinder hier ausgebildet, dann war Ende, seitdem gehen alle in die WLS nach Heuchelheim.
Und jetzt kommt der springende Punkt: Das famose Landesgesetz von 1969 besagt, dass der Landkreis die Schule unentgeltlich zurückzugeben hat, wenn das Gebäude nicht mehr den schulischen Zwecken dient- hier habe ich natürlich sofort nach meiner Amtsübernahme in 2010 die Möglichkeit gesehen den Kinzenbacher Ihre alte Schule wiederzugeben.“

BH: „ Und wie liefen dann die Verhandlungen mit dem Landkreis?“

LBS: „ Natürlich hat der Landkreis zu argumentieren versucht, dass die Schule ja nach wie vor genutzt werde. In dem Augenblick saß er ja am längeren Hebel, denn wir wollten die Schule ja haben, ohne dass es zu einem lang währenden Rechtsstreit gekommen wäre.
Schließlich war der Landkreis bereit uns die Schule zu überlassen, gegen eine Abstandszahlung, welche den baulichen Aufwand der Jahre vor 2006 noch abbildet.“

BH: „ Von welcher Summe reden wir?“

LBS: „Wir reden von 60000€. Für eine gut erhaltene Schule mit 3000qm Grund ist das ein guter Preis. Natürlich hätten wir uns auch bockig stellen können und auf den Buchstaben des Gesetzes bestehen- nur dann hätten wir die Schule wahrscheinlich heute noch nicht im Besitz!“

BH: „ Der Erwerb war ja in 2014. In 2015 kam es ja dann zur Asylkrise und die Schule war für mehrere Jahre ein Asylheim…“

LBS: „Richtig, aber das hat uns nicht abgehalten schon mit Bürgerbeteiligung mit den Planungen anzufangen, um hier ein Ortsteilzentrum für Kinzenbach zu schaffen. Wir haben ein renommiertes Architekturbüro engagiert, und das hat in enger Abstimmung mit der Bürgerschaft die gewünschte Nutzung festgelegt:
Ganz oben unter dem Dach wird es noch freie Ausbaureserven geben, sowie die gemeindliche Notwohnung.
Ein Stock tiefer findet der Pflegedienst des Deutschen Rotes Kreuzes sein Zuhause- auch ein wichtiger Baustein in der medizinischen Infrastruktur unseres Ortes.

Und im Erdgeschoss soll das Herz der Nutzung sein- ein Gastraum mit einer sog. „Feierabend-Gaststätte“ nur an zwei-drei Tagen abends von Ehrenamtlichen bespielt und unter der Woche nachmittags ein Cafe, sowie die Möglichkeit auch einmal im Sommer außen zu sitzen, sowie ein Multifunktionsraum, eine Mietwohnung im Nebengebäude, die AWO-Dependance sowie eine Kelter und eine landwirtschaftliche Tauschbörse in den Nebengebäuden…“

BH: „ Meines Wissens sind das Planungen, welche in 2018 fertig waren… Woran lag es, dass wir heute noch nicht viel weiter sind?“

LBS: „Hier muss ich frank und frei zugeben, dass mit unseren beschränkten Ressourcen wir ab 2019 leider anders gebunden waren. Jetzt kann man sich drüber aufregen, aber der Aufbau der angesteckten Rappelkiste sowie die Rettung des R&C-Geländes hatten Vorrang. Nachdem dies aber alles erfolgreich gelungen ist, können wir unseren Blick wieder anderen Projekten zuwenden, das ist die neue Rappelkiste, das neue Feuerwehrgerätehaus, und auch die Alte Schule in Kinzenbach!“

BH: „ Herr Steinz, können Sie noch etwas konkreter werden?“

LBS: „Ja, gerne. Der Bauantrag für den Umbau der Alten Schule wurde eingereicht und ist mittlerweile bewilligt. Im Vorfeld hatte es Verzögerungen von über einem Jahr gegeben, die lagen aber an den Vorschriften. Als die vorgesetzten Behörden mitbekommen haben, dass auch eine Gastronomiekomponente Einzug halten soll, hat man von uns ein Lärmgutachten verlangt, was leider ein volles Jahr dauert. Das Ziel: Die Lärmbelästigung für die Nachbarschaft klein halten. Aber wir wurden hier behandelt, als würden wir eine Großraumdisko bauen wollen- über so viel bürokratisches Nichtentgegenkommen kann ich nur den Kopf schütteln- vom RP sind wir dergleichen aber mittlerweile gewohnt- eben kein Partner der Kommunen, sondern eher ein Gegner!“

BH: „ Oh, das ist alles ja kaum in der Öffentlichkeit bekannt. Und der normale Mensch fragt sich, wann es denn endlich los geht…“

LBS: „Ja, das ist das Widersinnige. Aber nun geht es in diesem Jahr los. Zuerst wird der Lift im rückwärtigen Bereich angebaut, auch hier gab es ein langes Hin-und Her über die Ausgestaltung des Liftes (seufzt), und dann werden wir zuerst das erste Stockwerk so herrichten, dass das DRK einziehen kann. Danach gehen die Arbeiten im Gebäude sofort weiter und ich bin guter Hoffnung, dass in 2022 das Erdgeschoss dran ist.“

Das Gespräch geht noch einige Zeit weiter. Die Teilnehmer sind sich einig, dass ein Gebäude dieser Größe natürlich nicht innerhalb eines Jahres umgebaut werden kann, sondern sich bis zur endgültigen Fertigstellung über einen gewissen Zeitraum hinzieht.

Die gute Botschaft aber ist: Das neue Ortszentrum für Kinzenbach kommt, die Arbeiten dazu starten im Sommer 2021.

Damit ist der kleine Rundgang an seinem Ende angekommen.
Bürgermeister Lars Burkhard Steinz bedankt sich bei Benjamin Hederich für das Interesse und wünscht einen guten Nachhauseweg.

« Am 20. Juni 2021 ist Bürgermeisterwahl! Lars Burkhard Steinz erneut zum Bürgermeister gewählt »